15. Mai
19. Juli 2oo9

Rathausgalerie München

Ausstellung

„Walden #3“ ist ein Projekt, eine Ausstellung sowie zwei öffentliche Tagungen, das sich den historischen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen Kunst und Schule widmet.

Nach dem im Kunsthaus Dresden 2007 entwickelten Projekt „Walden #3 – oder Das Kind als Medium" ist auf Initiative des Kulturreferates München und des Kultur- und Schulservice München und in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste München ein neues Projekt für die Rathausgalerie München entwickelt worden: „Walden # 3 oder Die Schule des Lebens“.

Das Projekt legt einen zeitlichen Schnitt durch die Geschichte der Kunstpädagogik der vergangenen hundert Jahre, der das Potential aktueller künstlerischer Methoden und Arbeitsweisen für Bildungsprozesse – innerhalb und außerhalb der Bildungsinstitutionen – durch eine historische Perspektive ästhetischer Bildung akzentuiert. Daher sind wie bereits in Dresden auch in München ausgewählte Arbeiten aus dem Erfurter Dr.-Birgit-Dettke-Archiv für Kinderkunst, dem Berliner BDK-Archiv in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DPF und dem Gestalt-Archiv Hans Herrman e. V. aus Schondorf zentraler Bestandteil der Ausstellung. Denn nur auf der Grundlage eines Einblicks in die unterschiedlichen Erzählperspektiven der Kunstpädagogik ist es möglich, die ideologische Zeitgenossenschaft innerhalb eines häufig für unpolitisch gehaltenen Faches zu verdeutlichen, die Erinnerung an historische Errungenschaften der Reform – so zum Beispiel in der Erkenntnis der Entwicklungsphasen des Kindes in der musischen Erziehung, aber auch in der Reflektion alltäglicher Mediendarstellungen in der Visuellen Kommunikation – zu schärfen und den Blick für die Andersartigkeit der aktuellen, in der Ausstellung gezeigten künstlerischen Ansätze zu weiten. Der bereits in Dresden gezeigte Schnitt durch die Geschichte der Kunstpädagogik wurde für München um die Archivierungswerkstatt der Gruppe KEKS mit Eindrücken aus der Pionierphase der informellen Kulturarbeit und Spielkultur im Stadtraum Münchens von 1969 bis heute erweitert.

Zehn zeitgenössische künstlerische Projekte veranschaulichen das Potential der Gegenwartskunst in heutigen Bildungsprozessen. Die Videoarbeiten und Installationen, die zum großen Teil mit Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Kindern im Rahmen von Walden #3 initiiert und entwickelt wurden, untersuchen das Wertesystem „Schule“, befragen die Schnittstellen zwischen Schule, Kunst und Gesellschaft und loten im schulischen wie im außerschulischen Umfeld die ästhetischen Potentiale einer solchen Zusammenarbeit aus. Fünf der ausgestellten Projekte in der Rathausgalerie wurden eigens für die Ausstellung in München konzipiert und umgesetzt. Fünf weitere Projekte sind bereits im Rahmen des Walden #3-Projektes in Dresden entstanden.

Zwei Antipoden der Bildungsgeschichte und ihre Schriften sind für das Projekt Walden #3 Anreger und Wegbegleiter: 1845 zog sich Henry David Thoreau von der Zivilisation zurück und verbrachte zwei Jahre am Waldensee (Concord, USA) in einer Hütte. Der berühmte Erfahrungsbericht „Walden, or Life in the Woods" des ehemaligen Lehrers, der sich der Prügelstrafe verweigert hatte, und späteren Schulgründers Thoreau steht ein für die radikale Selbstorganisation des Individuums, das eigenständig ein Selbstverständnis über den Lebensentwurf herauszubilden hat. 1948 griff der später namhafte Behaviourist Burrhus Frederic Skinner den Titel Walden auf und veröffentlichte mit „Walden Two“ einen zweiten, jedoch fiktionalen Erfahrungsbericht über eine aggressionsfreie Gesellschaft, der seine verhaltenstheoretischen Modelle und den Gedanken des „operanten Konditionierens“ vorwegnahm. Durch Belohnungs- und Bestrafungsformen sollten Lernprozesse gezielt gesteuert werden, das war die Erkenntnis, die als lerntheoretisches Modell leicht verständlich und vermittelbar war und sich in einem Zeitalter konkurrierender Gesellschaftssysteme weltweit in allen Bildungssystemen durchsetzte. Vorstellungen von Programmierbarkeit und Effizienzsteigerung hielten damals in das Instruktionssystem „Unterricht“ Einzug. Obwohl Skinner nie an eine eindimensionale Funktionalisierung des Individuums glaubte, liest sich sein utopischer Roman „Walden Two“ wie ein menschenverachtender und zugleich naiver Versuch, mithilfe von Konditionierung eine gewaltfreie Gesellschaft zu „erzeugen“.

Akademiegruppe

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DER FREIHEIT GEWEIHT – VON FREIHEIT ZERSTÖRT – ZUR FREIHEIT MAHNEND
Acryl auf Leinwand, 620 x 300 cm
2009
Maximiliane Baumgartner, Ruta Dressler, Christiane Schachtner, Lisa Schairer, Isabella Schiele, Max Schmölz

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LIFE IN THE WOODS
Video, 5:12 min
2009
Fiona Bader, Theresa Gimpel, Eva Zenetti

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FREAK!
Fotos auf Kappagraph, 420 x 594 cm
2009
Linda Lerch

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HE JUST ASKED ME OUT
Videoloop
2009
Verena Ledig

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NORMIERTER HORROR
Videoloop, 2:05 min
2009
Benjamin Ulmschneider

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PROJEKT 5-5
Installation mit 6 Videos, jeweils 45 min im Loop
2009
Louisa Abdelkader, Fiona Bader, Katharina Michalski, Stefanie Müller,
Carolin Wenzel

Die Akademiegruppe von Kunstpädagogik-Student/innen der Akademie der Bildenden Künste München hat sich im Zuge des Walden #3-Projektes mit ihrer Position zwischen Freiheit der Kunst einerseits und institutionellen Zwängen des Lehrerberufes andererseits beschäftigt. In vier heterogenen Untergruppen setzten sich die Student/innen mit den Herausforderungen der Studienzeit und den eventuell darauf folgenden Realitäten eines Schulalltags auseinander. Dabei entstanden 6 künstlerische Projekte, die sich in unterschiedlicher Form mit dem Spagat zwischen Suchen und Sicherheit, Auflehnung und Akzeptanz auseinandersetzen.

Unter dem Titel „Der Freiheit geweiht – Von Freiheit zerstört – Zur Freiheit mahnend“ setzte sich eine Gruppe mit verschiedenen Facetten von „Freiheit“ auseinander. Ein in sechs Panele fragmentiertes Bild verweist unter anderem auf Determinanten in Form von Spielkarten, die ein Joker verteilt. Wie kann man mit den zugeteilten Karten auf der Hand sein Spiel machen?

Eine andere Gruppe untersuchte in einer Videoinstallation die Kehrseite der Freiheit – die Angst. Interview-Ausschnitte über Schulängste werden dabei mit Klischeevorstellungen aus dem Film „High School Musical“ kontrastiert und übersteigert.

Fast heiter wirkt dagegen ein animierter Trickfilm, der in Musicalform Textausschnitte u.a. von Thoreau und Skinner zitiert. Eine Unterrichtssituation, die zwischen Animationsprogramm und normiertem Malunterricht changiert, endet überraschend.

Analog zu Thoreaus Rückzug in eine Hütte im Wald konstituiert eine weitere Gruppe von Student/innen einen Think Tank im städtischen sozialen Raum.

Am Ende bleibt die Frage, ob die Institution individuell oder kollektiv so veränderbar ist, dass die Freiheit der Kunst auch die Freiheit der Lehre ist?

Margit Czenki

Margit Czenki Kochshow Prohlis 6
Margit Czenki Kochshow Prohlis 2
Margit Czenki Kochshow Prohlis 1
Margit Czenki Kochshow Prohlis 4
ESSEN MIT SPASS
Installation
2009
Margit Czenki

Margit Czenki ist Filmemacherin und Künstlerin in Hamburg. In den 1960er Jahren war sie Mitbegründerin des ersten anti-autoritären Kinderladens in München. In ihrer filmischen und künstlerischen Arbeit bezieht sie Aspekte von Macht und Erziehung auch jenseits der unmittelbar der Bildung gewidmeten Institutionen ein. So liegt ihrem ersten Spielfilm „Komplizinnen“ (1987) die Analyse zugrunde, dass Macht im Frauengefängnis als Erziehung auftritt. Im Zusammenhang des Projekts „Park Fiction” drehte sie 1999 den Film „...die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen“ und entwarf die Installation des Projektes auf der Documenta 11 (2002) mit.

Im Rahmen des Projektes Walden #3 setzte sich Margit Czenki mit folgender Frage auseinander: Ist es klug, Genuss, Spaß und Sinnlichkeit von anderen Formen des Wissens zu trennen? Diese Frage braucht man im München des Jahres 2009 nicht zu stellen: Im Zeitalter der Fernsehkochshows würde niemand bezweifeln, dass Essen Spaß machen und Kochen Teil der Bildung sein kann. Was heute medialer Mainstream ist, musste im München der 60er Jahre noch erkämpft werden. Und in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand von Dresden, wo Tütensuppen und Fertiggerichte regieren, sieht es auch heute noch anders aus.
In Ihrer Installation „Essen mit Spaß“ stellt Margit Czenki zwei Situationen, Modelle und Zeiten einander gegenüber. „Essen“ steht hier für einen politischen (und pädagogischen) Ansatz, der alle Aspekte des Lebens als Feld der Aneignung, der Praxis, des Lernens, der Kritik und der Veränderung einbezieht.

In einem ausführlichen Interview spricht der Sohn der Künstlerin, der Regisseur und Musiker Ted Gaier („Die Goldenen Zitronen“, „Three Normal Beatles", „Schwabinggrad Ballett"), über seine Erfahrungen im ersten anti-autoritären Kinderladen Münchens. Zusammen mit anderen Eltern hatte Czenki den Kinderladen in der Königinstraße in Schwabing gegründet. Gaier reflektiert über das heute verbreitete „68er-bashing" und die Angriffe, denen selbst Kinder durch die sie umgebende Spießerwelt ausgesetzt waren, über den modellhaften Charakter der Kinderläden und die Veränderungen des Umfeldes, aus dem heraus diese entstanden waren, über den Alltag und die Unterschiede in revolutionären Boheme- und Polit-Kommunen, über Räume und Essen, Musik und Bildung, Punk und Politik, Klasse und Geschlechterrollen, Militanz und Kollektivität und über die Aktualität der damaligen Experimente.

Diesem, durch Künstler/innen und Sozialrevolutionär/innen der späten 1960er „erweiterten Politikbegriff" stellt Czenki ein Video aus dem Dresdner Plattenbaugebiet Prohlis gegenüber. Dort entwickelte sie 2006 mit Christoph Schäfer die „Kartoffelshow“. In eine Standardgrünfläche zwischen den Wohnblocks wurden gemeinsam mit Kindern Kartoffeln in Form einer Rennbahn gepflanzt. Die Installation mit Wettbewerbscharakter wurde ergänzt durch Zuschauertribünen. Die Aktion gipfelte in der Kartoffelernte und einer öffentlichen Kochshow. Auch dieses Projekt begreift Alltagstätigkeit als kulturelle Handlung und stellt die Frage, ob man von einem Koch nicht mehr lernen kann, als von einem Pädagogen. Doch auf einer zweiten Ebene rührt die „Kartoffelshow“ an beunruhigendere Punkte: Hat sich der emanzipatorische Anspruch der Avantgarde auf Aneignung aller Aspekte des Lebens unter den umgekehrten Vorzeichen einer Gesellschaft des Spektakels als kapitalistische Konkurrenzkultur längst realisiert?

Die Videos werden ergänzt durch Modelle, die sich mit dem Verhältnis beider Situationen zum Raum befassen. Verbunden werden beide Teile durch ein Diagramm, das Begriffe, Bedeutungsverschiebungen und Veränderungen, Brüche und Vereinnahmungstendenzen in Verbindung setzt. So aktualisiert die Arbeit verdrängte Ideen und richtet einen Blick auf grundsätzliche Fragestellungen, die im groben Gestrüpp von Supernanny-TV, Kinder-als-Tyrannen-Psychologie, Auslesediskursen und Rating-Ideologie zu verschwinden drohen: Was brauchen Kinder? Und in was für einer Welt wollen wir eigentlich leben?

Hajusom und Margit Czenki

Margit Czenki Hamburg Ansicht01
Margit Czenki Hamburg Ansicht02
Margit Czenki Hamburg Ansicht03
KOSMOS HAMBURG
Videoinstallation
2003/2007
Hajusom und Margit Czenki

Bildungsprozesse und ihre Einbettung in die umliegende Gesellschaft ließen sich in einer weiteren Ausstellungsinszenierung von Margit Czenki berühren, die aus einem Stadtforschungsprojekt mit der Gruppe Hajusom in Hamburg hervorgegangen ist. Hajusom ist ein Theaterprojekt in Hamburg mit jugendlichen Flüchtlingen aus den verschiedensten Ländern, die meisten aus Afrika, Afghanistan und dem Iran, unter der Leitung der Theatermacher/innen bzw. Theaterpädagog/innen Ella Huck, Claude Jansen und Dorothea Reinicke. Die Jugendlichen sind unbegleitete Flüchtlinge: Sie mussten ohne ihre Eltern oder andere Begleitung nach Hamburg fliehen. Die Besetzung von Hajusom ändert sich ständig. Nur ein Jugendlicher der Gruppe hat politisches Asyl bekommen, viele sind nur „geduldet” oder haben eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis. In einer Kooperation mit Hajusom entwickelte Margit Czenki 2003/2004 das Stadtforschungsprojekt „Kosmos Hamburg“.
Die Gruppe entwickelt in ihrer Theaterarbeit ungewöhnliche Performances, die Kunst, Alltag und schwerwiegende politische Fragestellungen auf neuartige Weise leichthändig verweben. In diese preisgekrönte Arbeit hat Margit Czenki neue Aspekte durch Verfahrensweisen aus Urbanismus und bildender Kunst eingebracht. Die in der Ausstellung Walden #3 in München gezeigten Videoarbeiten der jungen Performer lassen unbekannte Facetten der Hansestadt aufleuchten sowie deren Grenzen sichtbar werden, an welche die beteiligten Jugendlichen aufgrund der Unsicherheit ihrer Lebenssituation täglich stoßen und bei deren Übertretung schwere Sanktionen drohen. Die Installation zeigt ein Netz auf, das verschiedene Erfahrungen miteinander in Verbindung setzt und die Stadt als Handlungsraum einer Topografie verschiedener sozialer und kultureller Praktiken deutet.

(e.) Twin Gabriel

Twin Gabriel Kind Als Pinsel Videostill01
Twin Gabriel Kind Als Pinsel Videostill03
Twin Gabriel Kind Als Pinsel Videostill02
KIND ALS PINSEL (KOOPERATORKA)
Video-/Soundinstallation, 6:14 min
2007
(e.) Twin Gabriel

(e.) Twin Gabriel (Else Gabriel und Ulf Wrede, oft auch ihre beiden Kinder Linus und Grete) arbeiten seit mehreren Jahren an und mit Familien- und Rollenbildern. In Performances ohne Publikum, im Beisein von Helfer/innen und Kamerateams betreiben sie das, was Else Gabriel „experimentelle Anthropologie” nennt. In Versuchsanordnungen werden Erinnerungsbilder und/oder Beobachtungen gesellschaftlich relevanter (Alltags-)Phänomene aufgestellt und ausgespielt. Es gibt vorbereitete Kernszenen und immer auch ergänzende Improvisationen. Die Performance dient zentral als bildgebendes Verfahren, andererseits aber automatisch auch als Abenteuertrip in Parallelwelten.

Die Arbeit „Kind als Pinsel (Kooperatorka)“ entstand für die Ausstellung Walden #3 im Kunsthaus Dresden und ist unterlegt von einem generellen tiefen Misstrauen gegenüber Pädagogik. Die Akteure sind Else Gabriel, Grete Gabriel und Linus Gabriel. Es geht um die Kluft zwischen Anspruch/Behauptung und dem Unvermögen, diese mit Leben zu erfüllen. Die DDR-Pädagogik mit ihren stereotyp wiederholten Utopien vom „neuen Menschen” im Kollektiv und dem ganz alltäglichen, gleichgültigen Umgang mit dem Mangelwesen dient dabei als Hintergrund. Eine Anregung lieferte auch das Musikepos „Die Erziehung der Hirse” von Paul Dessau nach einem Text von Bertolt Brecht, also Kunst als Lehrstück in ideologischem Auftrag. „Die Erziehung der Hirse” wurde zu Ehren Stalins und dessen Chefsaatzüchter Trofim Denissowitsch Lyssenko geschrieben, der in absurdem Machbarkeitswahn die Schlüsselrolle von Genen in der Vererbung als „unsozialistisch” ablehnte und die gezielte „Umerziehung” von Getreidearten (z.B. Winterweizen – „Kooperatorka” in dessen Sommerform) propagierte. „Kind als Pinsel (Kooperatorka)“ betont Komik und Gewalt sowie „Schreckensbilder als Folge von Ordnung, Disziplin und Sauberkeit“ ((e.) Twin Gabriel).

Olafur Gislason

Olafur Gislason Aus Dem Kinderzimmer Ansicht02
Olafur Gislason Aus Dem Kinderzimmer Ansicht01
AUS DEM KINDERZIMMER
Installation
2006/2009
Olafur Gislason

Angst als eine der prägendsten Erfahrungen in der Kindheit war Ausgangspunkt einer Installation von Olafur Gislason gewesen, die er in Hamburg auf der Basis der Erfahrung mit seinen eigenen Kindern entwickelt hat. Für Walden #3 hat der isländische Künstler gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der 129. Grundschule Dresden-Reick eine neue Fassung seiner Arbeit „Aus dem Kinderzimmer“ realisiert. Das eigene Kinderzimmer wird in einem bestimmten Alter zu einem heimlichen und zugleich unheimlichen Raum. Zugehörigkeit und Identifikation, die sich zu einem intimen Raum entwickeln, stehen scheinbar in einer Spannung zu Vorstellungen und Gefühlen, die das Eigene als unheimlich und gespenstisch erscheinen lassen. Das Bücherregal, die wehende Gardine oder der Raum zwischen Fußboden und Bett, völlig annehmbare und bekannte Gegenstände und Orte, bieten plötzlich Raum für furchterregende Fantasien.

Die beteiligten Schüler/innen wurden zu ihren eigenen Erfahrungen befragt und erarbeiteten mit dem Künstler eine Rauminstallation, in die sowohl Gegenstände aus den eigenen Kinderzimmern als auch Ergebnisse aus den Interviews mit einflossen. Gislason war das Phänomen der Angst vor dem eigenen Zimmer bei seinen Kindern aufgefallen. In Bezug auf die ästhetische Erfahrung stellt das Projekt eine elementare Kompetenz dar: Die Kinder teilen die eigene subjektive Erfahrung des Unheimlichen mit anderen und erproben somit die Kommunikation hierüber und dabei zugleich etwas, was die Philosophie als „emphatischen Sinn“ bezeichnen würde. Die Interviews ergeben zugleich einen Spiegel alltäglicher Sorgen und Freuden der Kinder jenseits idyllischer Idealvorstellungen und außerhalb der Einflusssphäre der Schule.

Uschi Huber

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DIE ZEICHNER
Zeichnungen von Schüler/innen, Erwachsenen und Künstler/innen
Farbstift auf Papier, A4
2007–2009
Uschi Huber

Was wäre ein leicht wiedererkennbares Motiv der Kunstpädagogik in der Schule, das eine Vielzahl von Reformen bis heute überdauert hat? Gewissermaßen ein Topos der Kunstpädagogik, an dem sich wie an keinem anderen visuellen Ergebnis der Unterschied zwischen freier gestalterischer Tätigkeit und dem klassischen Kunstunterricht ablesen lässt? Es ist der Klassensatz: das in Serie gegangene Ergebnis einer Aufgabenstellung, üblicherweise in einer bestimmten Technik und zu einem festgelegten Thema, oft im A4 Format. Für ihr Projekt „Die Zeichner“ bat Uschi Huber drei Gruppen – Schüler/innen, Erwachsene ohne künstlerische Ausbildung oder Ambition sowie „professionelle“ bildende Künstler/innen –, per Anschreiben oder in der persönlichen Begegnung, eine Vogelscheuche in maximal 15 Minuten auf ein Blatt A4-Papier zu zeichnen. Stift wie auch Papierformat waren vorgegeben. Die entstandenen Zeichnungen werden in der Ausstellung durchmischt ausgestellt. Eine Zuordnung von Autor/innen zu den Zeichnungen ist für die Betrachter/innen nicht sofort ersichtlich. Mit Hilfe einer Nummerierung unter den Bildern und einer separaten Legende können die Urheber/innen jedoch eruiert werden, dies auch mit dem Hinweis, zu welcher Gruppe sie gehören.

Die Installation der Zeichnungen ist eine Versuchsanordnung, die zum Thema „ästhetische Bildung” viele schwierige und oft problematische Fragen aufwirft. Es geht darum, Zusammenhänge zwischen den sonst extrem getrennt gesehenen Bereichen schulische Kunsterziehung, Kunstwelt und Nicht-Kunstwelt herzustellen. Auch die Frage nach dem Einfluss ästhetischer Schulung auf die persönliche Biografie oder künstlerische Praxis spielt hier eine Rolle. Das Projekt fragt nach den Qualitätskriterien, mit denen Schüler/innen-Arbeiten benotet und Kunst bewertet und bezahlt wird. Dabei sind die Betrachter/innen selbst aufgefordert, sich mit Einordnungen und Bewertungen auseinanderzusetzen.

Thomas Kilpper

Thomas Kilpper Al Hissan Jenin Camp
Thomas Kilpper Al Hissan Ground Zero
Thomas Kilpper Al Hissan Westbank Field
AL HISSAN – THE JENIN HORSE
Video, 30 min
2003
Thomas Kilpper

Der in Berlin lebende Thomas Kilpper beschäftigt sich mit der Geschichte von Orten und ihrer sozialen und politischen Dimension. Sein Interesse gilt dabei insbesondere den sensiblen Bereichen und Konfliktfeldern von Politik und Geschichte. In zwei Installationen verwandelte Kilpper Parkettfußböden in einen riesigen Holzschnitt und Druckstock voller Geschichten und Geschichte. Ein anderes Mal führte er das Holz der Einbauschränke eines ehemaligen Schwesternwohnheims in London zurück in seine ursprüngliche Form eines Baums. Auf Einladung der Londoner Pumphouse Gallery entwickelte er mit jugendlichen Delinquenten eine riesige Skulptur in Form eines Schweines, Ausgangsmaterial waren belaubte Bäume. Im anliegenden Battersea-Park entstand ein Garten für Bioprodukte, der von den Jugendlichen betreut wurde. Die Produkte wurden dann in einer in den Galerieräumen eingerichteten Küche weiterverarbeitet.

Auf Einladung des Goethe Instituts in Ramallah baute er im Sommer 2003 aus den Metallüberresten zerstörter Häuser und Autos mit Jugendlichen aus dem Flüchtlingslager in Jenin eine fünf Meter hohe Pferde-Skulptur. Mit dem Pferd als populärem Symbol der Freiheit sollte ein Zeichen für eine Wiederaneignung der öffentlichen Räume Palästinas für kulturelle und zivile Zwecke gesetzt werden. Nachdem eine geplante Aufstellung des Pferdes durch die lokalen Milizen zunächst verhindert wurde, beschloss Kilpper gemeinsam mit Helfer/innen vor Ort, die Skulptur auf einem Tieflader durch die Straßen Jenins und anschließend durch die besetzten Gebiete in der Westbank zu ziehen. Zwischen Straßensperren und Checkpoints legten sie gemeinsam mit einigen der Jugendlichen, befreundeten Journalist/innen und anderen Unterstützer/innen des Projektes in einer Woche ca. 200 Kilometer zurück. Nach ihrer Rückkehr wurde das Pferd doch noch auf dem zentralen Platz des Flüchtlingslagers aufgestellt. Für München war eine Weiterführung des Projektes mit Jugendlichen aus der Westbank in Form einer gemeinsamen Denkmalsgestaltung zum Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 geplant, die zeitlichen und finanziellen Ressourcen reichten leider nicht aus, diese Planung umzusetzen. In der Ausstellung wird die filmische Dokumentation des Projektes von 2003 „Al Hissan – The Jenin Horse“ gezeigt. Ein ausführlicher Reisebericht, der die menschlichen und politischen Begleitumstände der Entstehung des Projektes, aber auch die Landschaft der Westbank anschaulich macht, findet sich unter www.kilpper-projects.de.

Annette Krauss

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STÖREN WIR?
Ein Workshop übers Entstören, Verstören, Aufstören, Durchstören, Wegstören, Umstören... in der Schule...
6 Videos im Loop:
ORTE, DIE WIR NICHT GEBRAUCHEN
SCHATTEN, ODER WAS?
DÜRFEN WIR KURZ STÖREN?
WAR WAS?
OHNE TITEL
RUSH HOUR
2009
Annette Krauss mit Dirk Meitzner und Schüler/innen des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim:
Franziska Beck, Katharina Best, Alex Ganzha, Victoria Hauzeneder,
Veronika Hoderlein, Susanne Lauterbach, Felicitas Riederle, Lukas Suadicani, Valentin Voinot

Die Künstlerin Annette Krauss untersucht in ihren Arbeiten Handlungen, die Alltagsnormen unterlaufen. In Form von Videoarbeiten, Publikationen und partizipativen Workshops entstehen dabei subtile Studien von Alltagssituationen, in denen Hierarchien gegen den Strich gebürstet werden und Techniken des Ausweichens und Unterlaufens die herrschende Norm ersetzen. In Workshops mit Schülerinnen in Stuttgart hat sie unter dem Titel „Hidden Curriculum“ (2006) individuelles Wissen um Tricks in der Schule, vielfach mit Unterstützung von Mobiltelefonen und Ipods, zusammengeführt und zugänglich gemacht, den Zugang der Erwachsenen jedoch reglementiert. Gegenstand ihres Interesses sind abgelegene und versteckte Lernprozesse und unregulierte Bereiche in Alltagssituationen.

Annette Krauss hat gemeinsam mit Dirk Meitzner in einem mehrtägigen Workshop mit Schüler/innen des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim zusammengearbeitet. Über die Dauer von vier Tagen unternahmen dabei neun Jugendliche den Versuch, sich selbst und andere zu beobachten, wie mit Alltagsregeln und -konventionen im Schulalltag des Carl-Orff-Gymnasiums umgegangen wird, wie diese internalisiert werden oder wie man diesen (unbewusst) widersteht. Die Jugendlichen entwickelten dabei körperbezogene Aktionen, die spezifische Alltagssituationen in der Schule befragten und kommentierten. Ohne weitere Hilfsmittel, nur mit dem eigenen Körper, wurden Informationen über den Kommunikationsraum „Schulalltag“ erarbeitet und Untersuchungsformen entwickelt, um sich so dessen blinden Flecken, versteckten Nischen und stummen Praktiken zu nähern.

Michaela Melian / Ulrike Kaiser

Melian Kaiser G8 G9 01
Melian Kaiser G8 G9 02
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G8/G9
Installation mit Doppelprojektion (14 min) und Video (30 min)
2009
Michaela Melian mit Ulrike Kaiser und der Filmgruppe des Gymnasiums Geretsried:
Stefan Aigner, Thomas Buschmann, Lukas Geß, Michael Hani, Yasmin Hepp, Sophia Joos, Paulina Kisselbach, Zeno Legner, Raffaello Lupperger, Carolina Metz, Carolin Mosler, Vincent Roscher, Ruth Wenisch

Michaela Melians künstlerische Arbeiten der Vergangenheit beschäftigten sich mit dem urbanen Raum als Resonanzraum von Geschichte und der Soziostruktur unserer Innenstädte. Mit ihrer bisher größten Produktion „Föhrenwald“, die sich mit dem ehemaligen Lager in Bayern beschäftigt, erhielt die Münchner Künstlerin und Musikerin 2005 neben anderen Auszeichnungen den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Für „Walden #3 oder Die Schule des Lebens“ hat Michaela Melian gemeinsam mit der Künstlerin und Leiterin der Filmgruppe des Gymnasiums Geretsried Ulrike Kaiser und Schüler/innen der Filmgruppe mehrere filmische Arbeiten und eine Installation entwickelt. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von dreizehn auf zwölf Jahre (achtjähriges Gymnasium oder kurz G8) und der alltägliche Umgang der betroffenen Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern mit dieser speziell in den neuen Bundesländern umstrittenen neuen Regelung stehen im Mittelpunkt dieses Projektes. In einer Vielzahl von Interviews wurden auch pensionierte Lehrer/innen einbezogen oder Lehrer/innen, die zugleich Eltern sind, nach ihren Eindrücken zur Einführung der verkürzten Schulzeit befragt. Kann die Umverteilung der Lerninhalte auf eine kürzere Ausbildungszeit gelingen und welche Abstriche müssen hierfür andernorts im Alltag gemacht werden? Die Installation gibt nicht nur einen Einblick in die dokumentarische Arbeit der Filmgruppe und die Schule als Kulturort unter Bedingungen der Bildungsreform, sondern zeigt darüber hinaus einen reflektierten Einsatz weiterer Filmsprachen, so unter anderem dem Animationsfilm, sowie verschiedene Strategien, in denen das Medium selbst reflektiert wird.

Auf einer Doppelprojektion sind die unterschiedlichen Tagesabläufe zweier Mädchen zu sehen: Während die eine noch gemütlich frühstückt, greift die andere hastig einen Müsliriegel und hetzt zur Schule. Der Tagesablauf der G9-Schülerin gestaltet sich mit vielen Pausen, entspannten Lehrer/innen und Mitschüler/innen und viel freier Zeit am Nachmittag. Dies wird in rosa-rot gefärbten Bildern idealisierend dargestellt. Ganz anders dagegen der in schwarz-weiß gestaltete Film, der den Tagesrhythmus im G8 zeigt:In Zeitraffer und schneller Folge hetzt hier ein Mädchen von einem zum anderen Ort und durchläuft einen Parcours völlig übertriebener und zugespitzter Situationen.
Über einen längeren Zeitraum hat die Filmgruppe zudem verschiedene Meinungen zum 8- und 9-jährigen Gymnasium eingeholt, Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern befragt und dies zu einem abwechslungsreichen und ambivalenten Film zum Thema zusammengeschnitten. Kurze Zeichentrickanimationen der beteiligten 6. Klassen unterbrechen die Statements, amüsieren, irritieren und verstärken zum Teil die Meinungen der Protagonist/innen. Dieser Film wird in der Ausstellung parallel zur Doppelprojektion auf einem Monitor gezeigt.

Filmgruppe Geretsried

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AUS DEM ARCHIV DER FILMGRUPPE GERETSRIED
Videokompilation
1972–2009
Wolfram Weiße und Ulrike Kaiser mit Schüler/innen der Filmgruppe des Gymnasiums Geretsried

Eine Videostation in der Ausstellung zeigt eine kleine Auswahl filmischer Arbeiten aus dem umfangreichen Archiv der Filmgruppe Geretsried, die von 1972 bis 1998 unter der Leitung des Filmpädagogen Wolfram Weiße entstanden sind. Dieses Best-of vermittelt nicht nur einen Eindruck von der gestalterischen, technischen und inhaltlichen Qualität der Filmgruppe, sondern demonstriert in eindrucksvoller Weise deren Kontinuität und künstlerische Fortentwicklung. Wolfram Weiße hatte die Filmgruppe in Geretsried 1972 unter der Einsicht gegründet, dass dem Film als wichtigstes Bildmedium der Gegenwart im schulischen Kunstunterricht keinerlei Bedeutung zugemessen wurde. Die Filmgruppe machte dieses Medium für Jugendliche zugänglich und vermittelte auf Basis sich weiterentwickelnder technischer Möglichkeiten vielfältige filmsprachliche Gestaltungsverfahren. In den Jahren 1972 bis 1998 produzierte die Filmgruppe 135 Filme auf den unterschiedlichsten Trägermedien. 99 Mal erhielten Geretsrieder Filme bisher Preise auf verschiedenen Jugend- und Schülerfilmfestivals. Mittlerweile wird die Filmgruppe von Ulrike Kaiser geleitet, die Wolfram Weißes Arbeit mit großem Enthusiasmus fortsetzt.

Rekolonisation

Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill1
Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill2
Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill3
Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill4
Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill5
Rekolonisation Weisses Tor Kann Auf Videostill6
MONIQUE ECKART GEHT 80 METER GEREADEAUS
RAHMENPLATZ
WEISSES TOR KANN AUF
3 Videos im Loop, 15 min / 3 min /15 min
2007
Rekolonisation (Christin Vahl / Jochen Dehn) mit Jana Starbatti-Antoniou und Schüler/innen des Werner-von-Siemens-Gymnasiums Großenhain

Rekolonisation Verzieren Still005Rekolonisation Verzieren Still022
Rekolonisation Verzieren Still027
Rekolonisation Verzieren Still042
Rekolonisation Verzieren Still061
Rekolonisation Verzieren Still130
Rekolonisation Verzieren Still148
VERZIEREN
Video, 33:23 min
2007
Rekolonisation (Gintersdorfer / Klaßen) mit Barbara Lissack und Schüler/innen des Vitzthum-Gymnasiums Dresden:
Christiane Adelmann, Nathalie Bierlich, Julia Heider, Katrin Jäger,
Kristina Jensch, Linda Kerber, André Kretschmann, Tina Krug, Julia Lippmann, Katja Röder, Franziska Sommer, Romy Wiening

Vier Künstler/innen der transdisziplinär arbeitenden Gruppe Rekolonisation – Monika Gintersdorfer, Jochen Dehn, Knut Klaßen und Christin Vahl – hatten sich in zwei Gruppen aufgeteilt, um der Anzahl der interessierten Dresdner Schulen am Projekt Walden #3 gerecht zu werden: Christin Vahl und Jochen Dehn entwickelten mit einer Gruppe der Stufe 11 des Großenhainer Werner-von-Siemens-Gymnasiums prozessorientierte Interventionen im Stadtraum, die die Ressourcen des „menschlich Möglichen“ wie auch die analoge Manipulierbarkeit von Kamerabildern untersuchten. Eine der Videodokumentationen „Monique Eckart geht 80 Meter geradeaus“ zeigt die Gruppe, die der Mitschülerin Monique hilft, eine gerade Linie durch den öffentlichen Stadtraum zu verfolgen, viele Arme helfen ihr über eine Litfaßsäule, parkende Autos und andere Hindernisse hinweg. Das Video dokumentiert, wie sich ein Individuum mit Unterstützung vieler auf ungewöhnliche Weise einen Weg durch die Öffentlichkeit bahnt. „Rahmenplatz“ zeigt das perfekte Ergebnis einer aufwändigen analogen Simulation: Die kreisende Kamera zeigt das Panorama eines scheinbar vollkommen verlassenen Platz im Herzen der kleinen Stadt Großenhain. Erst durch das Making-of „Weißes Tor kann auf“ wird deutlich, welche komplizierten menschlichen Verhandlungsprozesse diesen Eindruck der Menschenleere ermöglichten. Nur um wenige Sekunden und Meter versetzt, spielen sich auf dem „Rahmenplatz“ drei vollkommen unterschiedliche Szenarien ab: Während die Kamera kreist, sperren die Schüler/innen vor dem wandernden Bildausschnitt die Straße, bitten Anwohner/innen, ihre Tore zu verschließen und entfernen alle Anzeichen eines alltäglichen Lebens.

Ihre eigenen Erwartungen an Performance und aktuelle Kunst haben Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen mit Schüler/innen des Kunstleistungskurses des 11. Jahrgangs im Dresdner Vitzthum-Gymnasium zum künstlerischen Gegenstand gemacht. Diskursiv erschlossene Erkenntnisse wurden unmittelbar in Bewegung umgesetzt. Das Video „Verzieren“ zeigt den Betrachter/innen Ausschnitte konzentrierten Nachdenkens und Arbeitens, in denen sich verschiedene Reflexionsebenen vermischen und überlagern. Muss ein/e Künstler/in in der Arbeit und im „privaten“ persönlichen Leben mit sich selbst identisch sein? Darf man während einer Performance lachen? Welche Aktivitäten und Requisiten scheiden für eine Performance aus und welche kommen in Frage? Der eigene Körper und die eigene Stimme, Haarspray, Schulmöbel und andere verfügbare Dinge kommen zum Einsatz. Regeln werden erprobt und meist gleich gebrochen, Freiheit und Autonomie, Konkurrenz und Individualität stehen als künstlerische Horizonte ebenso im Raum wie eine der schwierigsten Fragen in der Umsetzung: Wie beendet man eine Performance?

Martin Schmidl

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SIT AND LISTEN, SIT AND LISTEN
Installation
2009
Martin Schmidl mit Robert Sigel und Schüler/innen des Josef-Effner-Gymnasiums Dachau:
Tom Balzereit, Larissa Bugert, Tanja Kobschütz, Andrea Latzel, Patrick Moder, Victoria Ruß, Tamara Schäfer, Jana Schambeck, Johanna Schmitt,
Miriam Wehrle, Laura Willibald

Das Projekt „Sit and listen, sit and listen“ hat Martin Schmidl gemeinsam mit Schüler/innen des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau und in Zusammenarbeit mit Robert Sigel entwickelt. Martin Schmidl beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit der Gestaltung der dokumentarischen Ausstellungen auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Dr. Robert Sigel ist u.a. in seiner wissenschaftlichen Arbeit und als Mitarbeiter der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit mit den aktuellen Fragen der Gedenkstättenarbeit und der Geschichte des Nationalsozialismus eng vertraut.

Die Arbeit mit den Schüler/innen führte über Exkursionen zur Gedenkstätte in Dachau und die Befragung von Besucher/innen relativ schnell zur Überlegung, sich mit diesem aufgeladenen und überdeterminierten Thema am ehesten über einen Seitenpfad zu nähern. Die Frage, ob und welche Musik den Besucher/innen während oder nach dem Besuch der Gedenkstätte in den Sinn käme, hat sich als Möglichkeit erwiesen, die Erfahrungswelt der Schüler/innen und Besucher/innen zusammen zu bringen und durch ein nur scheinbar weniger vorgeformtes emotionales Terrain (der Musik und der Texte zur Musik) Aussagen zu treffen, die einen anderen Blick auf die Gedenkstätte, ihre Besucher/innen und deren Wahrnehmung werfen.

Die Arbeit in der Ausstellung zeigt ein überdimensioniertes Display, das Besucher/innen der Gedenkstätte Dachau abbildet, die sich auf unterschiedliche Weise auf dem Gelände orientieren: per Führung vom Band, in der Gruppe bzw. vor einem Display. Für diesen Zusammenhang besonders bezeichnende Textteile jener Lieder, die während der Befragungen von den Besucher/innen genannt worden waren, tauchen im Bild auf. Am Fuß des Displays kann man über zwei Kopfhörer Tonmontagen hören, die auf Basis der genannten Musikstücke zusammengestellt wurden.

Archiv-Ausstellung

Die Archiv-Ausstellung präsentiert einen seltenen Überblick über historische Schüler/innen-Arbeiten der letzten hundert Jahre. Zuletzt wurde 1976 mit der Ausstellung „Kind und Kunst“ in Berlin ein großangelegter Versuch unternommen, die Entwicklung der Kunstpädagogik seit Ende des 19. Jahrhunderts aufzuarbeiten und mit Beispielen aus der historischen Unterrichtspraxis der verschiedenen Strömungen, Schulen und Epochen anschaulich zu machen. Im Rahmen von Walden #3 werden nunmehr drei Archive in einer Ausstellung gezeigt und die historischen SchülerInnen-Arbeiten im Kontext der jeweiligen Sammlung vorgestellt: Das Dr.-Birgit-Dettke-Archiv für Kinderkunst in Erfurt, das Gestalt-Archiv Hans Herrmann e.V. in Schondorf und das BDK-Archiv (Sammlung Kerbs) in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF in Berlin.

Die Auswahl der Arbeiten, die den Archiven auf entsprechenden Displays zugeordnet ist, vermittelt einen Eindruck der unterschiedlichen pädagogischen Ansätze zwischen Reform und Gegenreform in ihrem historisch gewachsenen Kontext. So wird durch die Schüler/innen-Arbeiten nicht nur der individuelle Ausdruck auch als deutliches Ergebnis wechselnder pädagogischer Bemühungen anschaulich, sondern Beispiele aus dem Schulunterricht der Weimarer Republik, der NS-Zeit und den beiden deutschen Staaten von den 1950ern bis in die späten 1970er Jahre werden als Produkte entsprechend der Ideologie ihrer Zeit lesbar. Über die vorhandenen Beispiele und deren oftmals fragmentarische Zuordnung wird auch die Problematik zahlreicher Leerstellen deutlich: Gesammelt wurde zum großen Teil entlang existierender Netzwerke. Auch aus pragmatischen Gründen wurden fast ausschließlich zweidimensionale Arbeiten auf Papier bewahrt. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Materials steht zum allergrößten Teil immer noch aus. Die Ausstellung „Kind und Kunst“, initiiert durch den Historiker und Kunstpädagogen Kerbs in Zusammenarbeit mit seinen Studierenden und in Trägerschaft des BDK versuchte schon 1976 auf ein immer noch andauerndes Defizit hinzuweisen: Bis heute existiert keine öffentlich geförderte und systematisch wissenschaftlich betreute Sammlung von Beispielen aus dem Kunstunterricht in Deutschland, sondern auch die in diesen drei herausragenden Archiven in Deutschland erhalten gebliebenen historischen Arbeiten gehen auf Einzelinitiativen von Pädagog/innen und die private, ehrenamtliche Vereinsarbeit zurück.

Die Gestaltung des Archivs und die Aufbereitung des ausgewählten Materials in der Ausstellung wurden durch Pascal Storz und Jan Wenzel aus Leipzig entwickelt. In München wird außerdem Material aus dem Archiv der Münchner Gruppe KEKS zu den Anfängen der offenen Kulturarbeit und freien Spielkultur im öffentlichen Raum aus den 1970er Jahren zusätzlich aufbereitet.

Archivausstellung Dettke Archiv Tafeln
Archivausstellung Dettke Archiv Portaits

Dr.-Birgit-Dettke-Archiv für Kinderkunst (Erfurt)
Der KinderKunst e. V. wurde am 27. Juni 2001 auf Initiative der Kunstpädagogin Dr. Birgit Dettke gegründet und befindet sich derzeit in einem Raum des obersten Stockwerkes des Evangelischen Ratsgymnasiums in Erfurt. Bis vor kurzem wurde das Archiv von den Vereinsmitgliedern ehrenamtlich sowie von einem Geschäftsführer auf der Basis einer Arbeitsförderungsmaßnahme betreut. Nach dem Auslaufen dieser Halbtags-ABM konnte die Stelle nicht neu besetzt werden. Die bisher etwa 10.000 künstlerischen Arbeiten von Kindern und Jugendlichen in der Sammlung stammen vorwiegend aus Thüringen, zumeist aus privaten Sammlungen von Kunsterzieher/innen. Ein großer Teil der Kinderzeichnungen entstand in der DDR und in der Zeit der Nachwende. Einige Blätter sind jedoch auch wesentlich älter, ebenso wie sich auch Einzelkonvolute aus der Schweiz, Japan und Österreich in der Sammlung befinden. Anliegen des Vereins ist es, die Sammlung zugänglich zu machen und sie für Aus- und Fortbildung von Kunsterzieher/innen und für wissenschaftliche Zwecke zugänglich zu machen. Die Inventarisierung der Arbeiten im Bestand folgt den Namen der einreichenden Pädagog/innen sowie der Reihenfolge ihrer Einreichung. Die Konzentration auf das Sammeln von Einzelblättern macht die kontextbezogene Einordnung der Arbeiten zu einer schwierigen Herausforderung. Ort und Entstehungsgeschichte sind nur teilweise dokumentiert. Eine digitale Inventarisierung liegt jedoch vor und ist online verfügbar. Der Verein nimmt nach wie vor Arbeiten entgegen, behält sich jedoch eine Prüfung des Materials vor. Der öffentliche Zugang ist derzeit ausschließlich über die digitale Abrufbarkeit der bereits archivierten Arbeiten im Internet gegeben.

Archivausstellung Gestalt Archiv Tafeln
Archivausstellung Gestalt Archiv Pflanzen
Archivausstellung Gestalt Archiv Monitor

Gestalt-Archiv Hans Herrmann e.V. (Schondorf)
Das „Gestalt-Archiv Hans Herrmann“ wurde 1979 von dem Kunstpädagogen Hans Herrmann (1899-1981) gegründet. Es befindet sich in Schondorf am Ammersee im ehemaligen Wohnhaus des Vereinsgründers und wird heute von der pensionierten Grundschulpädagogin Eleonore Weindl als Institutsleiterin und deren Vereinsmitgliedern ehrenamtlich betrieben. Das Ziel des Archives besteht in der Vermittlung der kunstpädagogischen Lehre Hans Herrmanns.
Das Gestalt-Archiv versteht sich als Bildungszentrum für Kunstpädagogik und Kunsttheorie. Dieses Anliegen bestimmt auch die umfassende Sammlung von ca. 30.000 Arbeiten von Beispielen der Kunsterziehung und Textilarbeit seit den 1920er Jahren, die als Anschauungsmaterial in kunstpädagogischer Ausbildung und Weiterbildung von Lehrer/innen aller Schulgattungen dient. Ausgewählte Exponate der Sammlung sind auch in den eigenen Publikation veröffentlicht. Die Inventarisierung der verschiedenen Konvolute erfolgt nach Techniken (Zeichnungen, Malereien, Drucktechniken etc.) sowie zum geringeren Teil nach Namen der einreichenden Pädagog/innen. Ort und Entstehungszusammenhang der Arbeiten sind zum großen Teil dokumentiert, eine digitale Inventarisierung liegt noch nicht vor. Das Archiv schließt eine Fachbibliothek und eine Diathek ein und bewahrt die fachliche Korrespondenz von 1928-1981 seines Gründers. Das Gestalt-Archiv ist nach Vereinbarung öffentlich zugänglich. Es unterhält eine Website unter www.gestalt-archiv.de.
Weiterhin werden Kurse angeboten sowie Ausstellungen präsentiert.

Archivausstellung Bdk Archiv Tafeln
Archivausstellung Bdk Archiv Plakate
Archivausstellung Bdk Archiv Monitor

BDK-Archiv in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF (Berlin)
Initiator und Betreuer der Sammlung war von den 1970er Jahren bis zur Übergabe der Sammlung an die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung im März 2000 Prof. Diethart Kerbs an der Hochschule der Künste Berlin. Die Sammlung ging im wesentlichen aus den Recherchen zu der Ausstellung „Kind und Kunst – Zur Geschichte des Zeichen- und Kunstunterrichtes“ hervor, die 1976 von Kerbs gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe von Studierenden der damaligen Pädagogischen Hochschule und in Trägerschaft des Bundes Deutscher Kunsterzieher (BDK) organisiert wurde. Die Ausstellung, die innerhalb von drei Jahren in zwanzig Städten zu sehen war, thematisierte die Entwicklung des schulischen Kunstunterrichtes zwichen 1872 und den 1970er Jahren. Die Sammlung Kerbs gibt mit ihren über 14.000 Blättern einen Eindruck davon, auf welcher reichen Materialbasis die Ausstellung „Kind und Kunst“ damals entstand. Ein Teil des Sammlungsbestandes, so lässt sich dem Gesamtverzeichnis entnehmen, kann als eine direkte Reaktion auf die Ausstellung gesehen werden, denn einige der Besucher/innen schickten eigene Kinderzeichnungen an die Initiatoren der Ausstellung.

Mit der Übergabe der Sammlung an das Archiv der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung im März 2000 sollte diese bislang weitgehend vernachlässigte Quelle nicht nur der bildungsgeschichtlichen Forschung im engeren Sinn zugänglich gemacht werden, sondern die auch ästhetisch vielfach anspruchsvollen Bilder hinsichtlich kunsthistorischer, entwicklungspsychologischer sowie auf die Erforschung des Zeitgeistes bezogener Fragestellungen aufbewahren. Eine weitere wissenschaftliche Erschließung des umfangreichen Materials ist seither nicht erfolgt. Ort und Entstehungszusammenhang der Arbeiten sind in einem Gesamtverzeichnis teilweise dokumentiert. Die Inventarisierung der Arbeiten folgt den Namen der einreichenden Einzelpersonen. Eine digitale Erfassung wird derzeit vorgenommen. Die Sammlung ist in den Räumen der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in der Warschauer Straße in Berlin aufbewahrt und für wissenschaftliche Forschungsanliegen nach Vereinbarung zugänglich.

KEKS-ARCHIVIERUNGSWERKSTATT 1969-2009
KEKS – ein Zufallslabel (Kunst, Kultur, Erziehung, Kinder, Kybernetik, Spiel, Soziologie usw.) war rund um 1970 in München und Nürnberg eine lockere und initiative Gruppierung von Kunstpädagog/innen, Student/innen, Künstler/innen und Sozialpädagog/innen, die eine aktiv-entschulte und spielerisch-experimentelle, aktionistische Vermittlung von Kunst und Ästhetik anstrebte. Ein Motto: Raus aus den Schulen, rein in die Lebenswelten, in die Stadtteile, in die Kunstorte und Kulturinstitute, eben dahin, wo sich Kunst und Leben realisieren zugunsten von ästhetischer Erfahrung bzw. ästhetischem Lernen. Kreatives Spiel mit Materialien, aber auch interventionistische und irritierende Aktionen im öffentlichen Raum waren dabei programmatische Methode im Kontrast zur Routine des Schulischen und des traditionell Pädagogischen.

KEKS war – im Rückblick – ein nachhaltiger Impuls für die Entwicklung der Münchner Kinder- und Jugendkulturlandschaft, die im Lauf der Jahrzehnte vielerlei professionelle kulturpädagogische Projekte, Einrichtungen und Netzwerke hervorgebracht hat, wie etwa 2007 den KinderKulturSommer KiKS.

Im Rahmen von Walden #3 wird in der Ausstellung in der Münchner Rathausgalerie dazu von Tanja Baar eine Archivierungswerkstatt realisiert. Im Verlauf der Ausstellungsdauer wird dabei sowohl der Grundstock für ein dauerhaftes KEKS-ARCHIV wie auch eine visuell-mediale Präsentation vor Ort erarbeitet, ergänzt um aktuelle Dokumente sowie Veranstaltungen, Treffen und Befragungen. 2010/2011 soll im Anschluss an das KEKS-Archiv eine Veröffentlichung erscheinen. Darüber hinaus wird es im Rahmen von WALDEN #3 auch neue und interventionistische Aktionen und Gestaltungsspiele im Stadtzentrum geben, die jeweils sofort im Internet erscheinen: www.iz-art.de.

Literaturhinweis zur KEKS Geschichte und den Folgen: 
Gerd Grüneisl/Wolfgang Zacharias: „30 Jahre Spiel und Kultur mobil in München“, München 2002
Bezug über: PA / SPIELkultur e.V., T. 089-260 9208, info@spielkultur.de